Mittwoch, 2. März 2016

In der Mozartstraße Nummer 3

Ein wenig später als üblich kehrte Jonathan vor der eigenen Haustür. Im dritten Stockwerk eines 3-stöckigen Hauses vor der Tür links um die Ecke. In der Mozartstraße Nummer 3.

Er grummelte und brummelte ein wenig vor sich hin, als er die Kuchenkrümel auf sein Kehrblech fegte. Eigentlich mochte er Kuchen sehr, doch dieser Kuchen war für die Nachbarin gewesen. Hilde, die gerne und laut lachte und einen großen Busen hatte und regelmäßig Besuch von ihren Freundinnen erhielt, die Kuchen mitbrachten.

Jonathan bekam nie Kuchen. Er bekam auch nie Besuch.

Obwohl sein Eingang der sauberste war und fast schon klinisch rein - zu ihm verirrte sich höchstens ein verwirrter Besuch von anderen Nachabarn, der den richtigen Eingang nicht finden konnte. So war das eben, wenn man keine Freunde hat, dachte er resigniert und putzte sich die Brille.

Als er da so stand, die Brille vom Staub entfernend, bemerkte er ein Geräusch um die Ecke im Treppenhaus. Es war schon zu spät für Hildes Besuch, der gewöhnlich zwischen 15 und 16 Uhr eintraf. Pünktlich zum Tee!

Jonathan dachte sich dennoch nichts dabei, setzte die Brille auf die Nase und nahm den Besen wieder in die Hände.

Das Geräusch war erneut zu hören. Jonathan hielt kurz inne und lauschte. Doch das Geräusch blieb stumm. Mach dich nicht lächerlich! schimpfte er mit sich und fegte nun energischer als vorher weiter. Das Geräusch erschien erneut, doch dieses Mal ließ sich Jonathan nicht beirren. Er konzentrierte sich auf seine eigene Haustür und kehrte und schrubbte und fegte.

Er war so voller Elan, dass er weiter als gewöhnlich fegte. Das Geräusch immer wieder in seinem Bewusstsein aufploppend ignorierte er stur und fand sich plötzlich vor Hildes Haustür wieder.

Überrascht blickte er kurz auf, aber weil er schon so eifrig dabei war, machte es ihm nun nicht viel aus, auch vor Hildes Haustür zu kehren. Von der anderen Seite der Tür hörte er Stimmen. Hildes Freunde schienen zu Besuch zu sein und das Klappern des Teegeschirrs unterstützte die aufgeregte Stimme einer von Hildes Freundinnen. Sie sprach so laut, dass es Jonathan nicht schaffte wegzuhören.

"Meine Lieben, ich sag es euch!" sprach sie mit gedehnter Stimme. "Als ich heute beim Bäcker in der Schlange stand und darauf wartete, an der Reihe zu sein. Ihr glaubt nicht wen ich gesehen habe."
Sie machte eine Pause und niemand sprach. Bis eine zweite Stimme ertönte, dieses Mal die von Hilde. "Wen hast du gesehen, Liebes? Nun spann uns doch nicht auf die Folter." Hildes Stimme klang fast künstlich, fand Jonathan und fegte nun etwas weniger eifrig vor Hildes Haustür, da ihn ein bisschen die Neugier gepackt hatte.
Mit einer Stimme, die klang, als würde sie gleich von einer Entdeckung sprechen, die die gesamte Welt verändern würde, verkündete die Freundin: "Es war Günther Weber."
"Nein!" Riefen mehrere Stimmen gleichzeitig und Jonathan zuckte zusammen. Wer bitte war Günther Weber?

Nun erklang wieder Hildes Stimme. "Er hat sich tatsächlich in Karinas Konditorei getraut? Ich glaub das nicht!"

"Auch ich war völlig erstaunt, das könnt ihr mir glauben." sprach die Stimme der Freundin weiter. "Wer hätte gedacht, dass er sich nach all dem noch unter die Gesellschaft traut? Ich an seiner Stelle wäre irgendwohin ausgewandert wo mich niemand kennt." Sie lachte schrill auf und die anderen taten es ihr gleich.

Jonathan fragte sich, was um Himmels Willen dieser Günther angestellt haben musste, dass sie so über ihn sprachen und legte er vorsichtig sein Ohr an die Tür.

Eine weitere Stimme ertönte und fragte "Und wie haben die anderen darauf reagiert?"

"Wie zu erwarten. Sie mieden ihn selbstverständlich und taten so, als wäre er nicht anwesend. Das ist ja auch die einzig korrekte Reaktion in so einem Moment." Ein zustimmendes Gemurmel drang in Jonathans Ohr. Er drückte mittlerweile seine Ohrmuschel gegen die Tür in der Hoffnung, endlich herauszufinden, was dieser Günther Weber denn angestellt haben mochte.

Hildes Freundin fuhr mit ihrer Geschichte fort. "Interessant wurde es erst, als er an die Reihe kam. Ich stand nicht direkt hinter ihm, war aber nah genug dran um alles mitzubekommen." Ihre Stimme war nun etwas lauter geworden und sie sprach schneller.
"Karina bediente heute persönlich. Und ihr glaubt nicht, was sie tat, als er direkt vor ihr stand. Ihr glaubt es einfach nicht!" Sie legte wieder eine Pause ein doch dieses Mal kam kein Murmeln sondern die anderen blieben still. Jonathan konnte es vor Spannung kaum aushalten und war schon versucht, die Tür aufzubrechen um ja kein Detail zu verpassen.

"Nun sag es doch endlich!" rief Hilde nun hörbar ungeduldig und auch sehr neugierig.
"Sie sagte so deutlich, dass es fast der ganze Laden hören konnte: Lieber Günther, auch wenn niemand deine Morde beweisen konnte, so bin ich sicher, dass mein Mann nicht übertrieben hat, als er mir erzählte, was für abscheuliche Taten dir vorgeworfen werden. Und nur weil deine Opfer nicht identifiziert werden konnten, heißt es nicht, dass du unschuldig bist." Die Freundin verstummte.

"Richtig so" hörte Jonathan eine weitere Freundin sprechen. "Wenn auch nur ein Funken Wahrheit an den Vorwürfen ist, gehört dieser Günther Weber für immer weggesperrt."

"Ich habe gehört" setzte Hilde ein "dass er die Opfer in seiner Wohnung aufbewahrt. Das muss auch der Grund für seine häufigen Umzüge sein."

"Ja, er zieht schließlich ständig um" warf die eine Freundin ein. "Daher ist es ja so schwer ihm auf die Schliche zu kommen. Wenn ein Mord aufgedeckt wurde, ist er seitdem schon 3 Mal umzezogen."

Jonathan an der Tür schauerte. Die Vorstellung dass so ein grausamer und verrückter Mann frei herum lief ließ ihn zittern.

"Wisst ihr, wo er im Moment wohnt?" fragte Hilde. Wenn er in Karinas Konditorei war, dann muss er ja in unserer Nähe gewesen sein." Ihre Stimme wurde leiser und Jonathan konnte ihre Angst durch die Tür spüren.

"Ich denke kaum, dass er sich in unsere Nähe traut" sagte die erste Freundin nun deutlich heiterer. "Und wenn, dann wird er eben schnell davon gejagt." Sie lachte auf und die anderen stimmten mit ein.
Jonathan musste automatisch ein wenig grinsen und ihm wurde unerklärlich leichter ums Herz.

RUMMS!

Jonathan fiel fast hinten um vor Schreck.

Blitzschnell drehte er sich zu dem Knall um, doch er konnte nichts erkennen. Er ging vorsichtig um die Ecke Richtung Treppenhaus und sah vor der Tür der Wohnung, die schon länger leerstand einen Mann mit einem großen Umzugskarton vor sich und einer Lampe, die an der Tür lehnte.

Der Mann drehte sich zu Jonathan um. Er sah sehr gepflegt und freundlich aus und rief mit entschuldigender Stimme "Verzeihen Sie den Lärm! Ich ziehe gerade ein. Diese schwere Umzugskiste ist mir doch glatt runtergefallen!"

"Alles gut!" rief Jonathan zurück. "Und... äh... Willkommen in der Nachbarschaft! Ich bin übrigens Herr Meier. Jonathan Meier."

Der Mann wischte sich die Hände an einem Taschentuch ab, ging mit einem sehr liebevollen Lächeln zu Jonathan und streckte ihm die Hand entgegen. Ich bin Herr Weber. Günther Weber." Er packte Jonathans Hand und schüttelte sie kräftig.

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