"Kennst du das Land wo die Schokolade auf den Bäumen wächst?"
Über diese Frage grübelte Karin bereits die ganze Woche. Sie hatte sie in ihrer Lieblingszeitschrift "Die Frau" gelesen und wurde magisch von den Worten angezogen:
Schokolade auf Bäumen. Schokolade. Auf. Bäumen.
Karin konnte es sich gut vorstellen, wie es wohl war, wenn Schokolade auf Bäumen wuchs. Sie wusste, dass sie jeden Tag mehrmals zum Baum gehen würde und sich ein Stück abbrechen würde. Sie würde den ganzen Tag unter dem Baum liegen und wenn die Sonne kam und die Schokolade zum schmelzen brachte, würde sie den Mund aufhalten die Schokolade in ihre Mundhöhle tropfen lassen.
"Lecker!" dachte Karin laut. Ja, DAS wäre wirklich was.
Karin fragte sich, wo zum Teufel dieses Land nur war. Sie hatte versucht, den Artikel dazu zu lesen doch es waren viel zu viele Buchstaben die sehr klein gedruckt waren. Alles was länger als zwei bis drei Zeilen ging, strengte sie zu sehr an.
Während sie so davon träumte unter dem Schokoladenbaum zu liegen und die süße braune Herrlichkeit in sich aufzunehmen, gab es ein paar Straßen weiter einen großen Tumult.
Zwei Männer waren mit ihren Papageien an der Leine spazieren gegangen. Der eine wohnte in der linken Straße, der andere in der rechten Straße. Und beide Männer waren stumm. Ihre Papageien hingegen waren es nicht.
Sie schrien und tobten und kreischten und pfeiften und schwatzten und stritten ohne Unterlass. Der eine hatte sich den Hut des anderen geschnappt während der andere den Gehstock des einen krallte. Der eine kackte auf die Glatze des Herrens des anderen und der andere kniff in das Ohr des Herren des einen.
Während die beiden stummen Herren da standen und dem Treiben ihrer Vögel versuchten Einhalt zu gebieten kam ein Polizist des Weges. "Donnerwetter!" rief dieser und erschoss die beiden.
Ein paar Straßen zurück hörte Karin Schüsse. Na toll! Dachte sie sich. Doch sie ließ sich nicht beirren, stieg aus der Badewanne, öffnete das Fenster und pfiff zwei mal laut durch die Finger. Von weither sah sie ihre bunten gefiederten Freunde auf sie zu fliegen. Einen ganzen Monat waren sie schon in ihrem Auftrag bei den zwei Herren ein paar Straßen weiter untergekommen.
"Gut gemacht!" sagte sie zu ihren Papageien und schloss das Fenster. Morgen würde es endlich zwei Konkurrenten weniger in ihrem Viertel geben.
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