Sonntag, 6. März 2016

Warum wir nicht für alle Probleme eine Lösung brauchen

Wir Menschen sind ein verbesserungssüchtiges Volk. Wir streben danach, weiter zu kommen, höher zu fliegen, schneller zu fahren.
Das liegt in unserer Natur und hat uns dorthin gebracht, wo wir sind.

Diese unglaublich schnelle Entwicklung nehmen wir gerne in unser eigenes kleines Leben.

Hier zeigen wir, was wir alles erreichen und wenn wir den Mut aufbringen, von unseren Problemen zu berichten, dann nur, wenn wir bereits die Lösung dafür gefunden haben. Denn wer möchte schon gerne zugeben, dass er überhaupt keine Ahnung hat, wie er das Problem lösen könnte und gerade einen Fehler nach dem anderen macht?



Ein Fallbeispiel aus dem Reitsport, von mir ganz persönlich:

Ich arbeite mit meinem Pferd an den fliegenden Wechseln*. Die funktionieren an sich gar nicht mal so schlecht, aber wirklich 100% locker sitzen sie nicht. Ich übe und konzentriere mich darauf, dass mein Pferd immer rittig dabei bleibt. Wechsel hin oder her - die Hauptsache ist, das Pferd ist weich zu reiten und geht nicht gegen meine Hilfen an.
Wie ich das aber mit dem Weichmachen hinbekomme, weiß ich ehrlich gesagt nicht immer. Klar, ich versuche da Sachen und zum Glück habe ich eine sehr erfahrene Trainerin die zwischendurch draufschaut und mir konkrete Tipps gibt. Aber eine ganze Bibliothek an Korrekturen habe ich nicht zur Hand. Also funktionieren manche meiner Versuche, mein Pferd rittig zu bekommen gut, manche nicht. Und das was gestern gut geklappt hat, klappt morgen nicht. Mein Pferd ist schließlich ein kleiner Psycho und ändert seine Einstellung zu Trainingsmethoden regelmäßig.


Ich stecke also mitten drin in meiner Aufgabe. Und wenn mich jemand fragt, wie ich das denn mache, dass die Wechsel so gut klappen, dann hole ich das raus, was manchmal geklappt hat. Ich erzähle also, ich hätte eine Lösung. Obwohl es nicht stimmt.


Mittlerweile bin ich ehrlicher zu mir und zu anderen geworden und gebe zu, dass das alles noch nicht so rosig klappt, wie es manchmal aussieht und erzähle, an welchen Problemen wir zu arbeiten haben.

Was aber nicht heißt, dass ich am rumjammern bin. Habe ich schon erwähnt, dass wir vor kurzem ZWEIERWECHSEL geritten sind?! I mean hello?! Wie geil ist das denn? Allerdings ist Psychopferd viel zu schnell geworden - also gehen wir wieder zurück zur Rittigkeit ;)



Keine Lösung zu haben ist keine Schande!

Nicht jedes Problem muss am Ende aufgelöst werden. Es ist auch durchaus in Ordnung, das ganze Leben über zu versagen, Fehler zu machen und langsam zu lernen. Und manchmal wünschte ich mir, dass wir Menschen offener damit umgehen würden.

Wir sprechen über Liebe, Erfolg und Frieden - schaffen es aber nicht, diese Attribute in uns zu vereinen. Denn wie soll ich mich lieben ohne meine Unvollkommenheit zu lieben? Wie soll ich Erfolg spüren, wenn ich meine Misserfolge leugne? Und wie soll ich im Frieden mit mir selbst leben, wenn ich das Unperfekte hinter Mauern schließe?


-Ingamie-


*(Fliegende Wechsel stehen stellvertretend für alle anderen Sachen, an denen ich arbeite. Ich könnte auch das Zeichnen als Beispiel nehmen oder anderes, wo ich auf Hindernisse stoße oder sich Probleme auftun.)


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